Lost Encounters Gravity Begins At Home

Axel Loytved, Lily Wittenburg, Sebastian Stein

29.05. – 10.07.2016
Arthur Boskamp Stiftung Hohenlockstedt

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Wieder die ganze Nacht im Schlaf geredet. Am Morgen höre ich mir die Tonaufnahmen an und verstehe kein Wort. Irgendwo scheint sich die automatische Textfunktion meines Telefons ins nächtliche Sprachzentrum eingeschaltet zu haben. Im Schlaf spreche ich eine Sprache, zu der ich am Tag nicht befähigt bin. Eine von mir unabhängige Stimme die etwas unheimlich ist, weil sie mir selbst ein vollkommenes Rätsel und dadurch das Versprechen einer anderen Existenz bleibt. Das Wasser aus der Leitung ist so heiß, dass es für einen löslichen Kaffee reicht. Irgendwo im Keller dieses Raumschiffes, das hier in der Peripherie gelandet ist, muss es einen enormen Maschinenraum geben, für so viel heißes Wasser. Ich fahre die Jalousien hoch, die das Gebäude zum Bunker machten und die Lichtbilder im Innenraum verschwinden zugunsten der Außenwelt, die jetzt hinter bodentiefen Fenstern vorüber geht. Ich folge ihr Richtung Sky, dem direktesten Anlaufpunkt für Experimente im Außenraum. Gestern hat sich da eine Gruppe von uns eine Reihe Spiele ausgedacht, rückwärts durch den Supermarkt, etwas Unnötiges klauen, die Lieder laut mitsingen, die aus den Lautsprechern Gedichte über Spülmittel verkünden. Aber mir ist eigentlich nicht nach Experimenten in der Öffentlichkeit heute.
Die anderen schlafen noch oder es sind keine da, was sich bei den vielen Räumen manchmal schwer feststellen lässt. Zu bestimmten, mir noch unklaren Zeiten reisen sehr viele her, um sich einzuschließen, um herauszufinden was sich so machen lässt zusammen. Dann versuchen sie den Ort zu bestimmen, vermessen die Quadratmeter oder suchen nach Begrenzungen und Möglichkeiten, Ausbrüche zu planen aus Formaten für die die Maßstäbe erst erfunden werden müssen.
Etwas erschrocken bleibe ich vor dem Trampelpfad stehen, der eine Minimale Abkürzung zum Sky markiert und schön gewunden den rechten Winkel der Bordsteine negiert. Aber heute geht das nicht. Da sitzen zwei Bauarbeiter unter einem Langnese Schirm und gipsen den Pfad aus, ganz ordentlich machen sie das und in aller Seelenruhe, während ich mit einigen anderen Supermarktbesuchern etwas empört vor ‘unserem’ Weg stehe. Jetzt auch das noch, machen sie uns diese subtile Grenzüberschreitung im Alltag zunichte. Nicht, dass man sich dabei irgendwie widerständisch vorkommen würde, eine Abkürzung zum Supermarkt zu nehmen, aber es ist doch eine kleine Befriedigung, da seine Spuren zu hinterlassen und eben nicht die unnötige Ecke zu umwandern. Auf dem Asphalt bleibt ja nichts zurück von den vielen Malen, die wir zum Sky gegangen sind.
Es gibt ein japanisches Sprichwort, das besagt, man solle auf die Spuren im Schnee warten, bevor ein Weg angelegt wird, weil es nun mal unendlich viele Bedingungen gibt, die mit dem bloßen Auge nicht zu sehen sind und die sich nur im offenen Gruppenprozess herausfinden lassen.
Vor dem Supermarkt liegt ein Stückchen Staniolpapier. Es ist irgendwie eingerollt und hat auf der einen Seite eine Druckstelle von einem Daumen oder so. Es sieht ziemlich kostbar aus. Vorsichtshalber stecke ich es zu meinen drei anderen Hosentaschenobjekten. Zuhause gibt es schon eine recht ordentliche Sammlung. Sie sind durch den Zufall, den Gebrauch oder das nervöse dran herumdrücken zu ganz eindrücklichen kleinen Skulpturen geworden. Einige haben aus Versehen Kontakt zu Maschinen gehabt, sind in einen Rasenmäher geraten oder das Wetter hat sie durch immer neue Aggregatzustände getrieben.
Manche sind so gut, dass sie in Bronze gegossen werden, um das Material in seiner Bewegtheit in der Zeit zu verlangsamen. Überhaupt ist es schade, dass sich manche Dinge einfach nicht aufhalten lassen, in ihrem Verwittern. Dass sie abgerissen werden, wenn sie gerade am schönsten sind. Plakate zum Beispiel. Diese hier sind in Sicherheit gebracht. Da sind alle Ecken und Winkel und Falten poliert. Es ist eigentlich nichts mehr da von der Funktion, außer ihrer Form. Es macht mir ziemlich Freude alles wegzuschleifen, was aus den Oberflächen Informationen macht, um zu schauen was darunter liegt.
Im Sky ist ein Regal umgekippt, ein riesiger Fleck aus verschiedenen Flüssigkeiten breitet sich aus. Einige verbinden sich zu Farbfeldern. Andere haben in sich eine Abneigung gegeneinander und stoßen sich ab, wodurch feine Grenzlinien entstehen. Die Kassiererin schaut mich etwas verwundert an, als ich sie frage, ob man das nicht trocknen lassen könnte, um mal zu schauen, wie es in zwei Wochen aussieht. Ob da zum Beispiel kristalline Strukturen wachsen oder die Oberfläche in feinen Krakeelen aufreißt. Sie sagt, das geht nicht, wir haben hier zu arbeiten und überhaupt wäre das viel zu gefährlich, es könnte ja sein, dass es sich nicht mehr entfernen lässt.
Im alten Militärlager ist mittlerweile eine Debatte darüber in Gange, ob heute gearbeitet wird oder nicht und ob es Arbeit ist oder nicht, darüber nachzudenken, was Arbeit ist. Alle fragen sich gegenseitig was es soll, was sie jeweils tun oder nicht tun und was gemeinsam getan werden könnte und ob etwas tun überhaupt adäquat ist unter diesen Bedingungen. Pläne werden aufgestellt und wieder verworfen. Jeder ist mit seinen individuellen Fragen gekommen. Die meisten der Worte sind noch nicht geklärt und so verliert sich die ganze Situation zeitweise in schwindeligen Höhenflügen. Für einen Moment gibt es die Überlegung, ob nicht ein Haus gebaut werden könnte, oder ein Text geschrieben. Dabei stehen einzelne immer wieder vom Tisch auf und legen sich in den Garten, oder besuchen eine Musterhaussiedlung um festzustellen, dass es ein solches Haus definitiv nicht wäre, was man bauen würde, wenn man bauen würde. Die Versammlung ist nur wenige Tage alt und deshalb ist am Ende auch niemand wirklich enttäuscht, dass weder ein Text geschrieben, noch ein Haus gebaut wurde.
Fürs Erste bin ich ganz zufrieden, dass alle Perspektiven einmal durchgemischt wurden und jetzt wie Mikadostäbe in sämtliche Richtungen zeigen, wobei sie sich stellenweise zu überschneiden gelernt haben. Am Abend verschluckt die Dunkelheit alle Konturen der Ereignisse. Unsere Gedanken haben sich stellenweise vermischt. Ohne es zu merken hat sich ein Impuls vervielfältigt, keiner weiß mehr, woher er zuerst kam. Nach den ganzen Debatten ist mir der Einfall gekommen, dass es gut sein könnte, das ganze Haus mit Sinuswellen zu fluten, um für ein paar weniger eindeutige, aber sehr durchdringende Signale zu sorgen.

Fotos Michael Pfister